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Die schlichte Null ist das neue Zeichen unserer Zeit

Die schlichte Null ist das neue Zeichen unserer Zeit

Die schlichte Null ist das neue Zeichen unserer ZeitMit einer Fanfare kam der Kapitän ins Stadion. Er blies auf seiner prachtvollen Trillerpfeife und warf alle vorhergehenden Teams hinaus: die Piraten, Betrüger und Attentäter. Wer hatte die überhaupt hineingelassen? Der Kapitän forderte dann die Zuschauer auf den Rängen auf, ihm zuzujubeln.

Er komponierte einen Song für die neue Mannschaft, suchte die Cheerleader, Schieds- und Linienrichter aus. Er setzte neue Spielregeln fest, den Tag des Matches und die Zeit des Anstoßes. Er suchte auch die Spieler aus: Stürmer, Verteidiger, Torhüter, aber auch Trainer, Balljungen, Maskottchen.

Jeder spielt im selben Team mit. Aus diesem Grunde gibt es auch nur ein Tor, nicht zwei. Dann trat der Kapitän aufs Feld, dribbelte wie Messi oder Ronaldo und schlüpfte an unbeweglichen Spielern vorbei (die in seinem Team mitspielen), und dann schoss er ein Tor. Und noch eins und noch eins und noch eins. Er war der Star des Spiels, und die Zuschauer jubelten und schrien.

Vor allem aber mochten sie das Ergebnis. Es erinnerte sie an Einheit, an Ruhe, an die Schönheit der Arithmetik, an eine Stecknadel, die in einem Amphitheater voller Geister fallengelassen wird. Es war so großartig, dass einige wie ausgerissene Verrückte weinten, die endlich in ihre Irrenanstalt zurückgefunden hatte.

Und die Ergebnisse? Beim ersten Spiel 183:0. Alle mochten das. Aber es konnte nur besser werden. Zwei Tage später der historische Tag: Der Kapitän war gar nicht da und gewann trotzdem das Turnier. Das Ergebnis lautete 191:0.

Niemand schoss bislang so viele Tore, es sei denn, er lebt irgendwo nördlich des 38. Breitengrades. Die Mannschaft hat wirklich gut zusammengearbeitet. Es gab keinen einzigen Pfiff, denn die Zuschauer schliefen, und vorbei ist es noch lange nicht. Kurz gesagt: Das war noch gar nichts. Es wird weitere Spiele geben, denn das eigentliche Ergebnis, das wahre Ergebnis, das bereits feststeht und schon bald erfüllt wird, liegt bei 64.871.000:0. Die gesamte Bevölkerung gegen ein Nichts. Die schlichte Null ist das neue Zeichen unserer Zeit. Wir hassen die Diktatur der Mehrheit so sehr, dass wir dieses Wundermittel des Absolutismus schlucken. Es ist so entspannend.

Es ist sicher, dass 64 Millionen zu Null erreicht werden kann. Mit links, kinderleicht, das ist wie ein stressfreier Spaziergang ohne nachzudenken. Wenn nicht, kann man es einfach erzwingen.

Und wenn man dem Ergebnis nicht traut, dann den Meinungsumfragen: 70,6 Prozent der Zuschauer sind mit dem Team zufrieden, 27,4 Prozent hatten keine Meinung, und nur zwei Prozent meinten, sie seien nicht damit einverstanden, wie jetzt gespielt wird. Zu den zwei Prozent gehören Piraten, Vergewaltiger, Gauner und Halsabschneider, aber auch Andersgläubige, die an Debatten, Kritik, Mitbestimmung und Geduld glauben. Und auch an die futuristische Philosophie, dass Wahlen besser sind als Nominierungen. Diese zwei Prozent verlangen vom Kapitän, dass er das Stadion dem Volk zurückgibt. Zwei Prozent, die ins Exil geschickt werden können, exkommuniziert – oder warum nicht gleich exterminiert?

Die anderen 98 Prozent sind die loyalen halbblinden guten Jungs. Wir wollen keine Gauner und Piraten auf dem Platz. Doch im Sport, das sollte man sagen, vermissen wir ab und zu, dass wir keine Wahl haben. Wir vermissen den Spaß, Gauner auszubuhen oder Piraten mit Flaschen zu bewerfen, wenn sie hässliche Fouls begangen haben. Wir vermissen den Wettbewerb, wir vermissen die alten, nicht perfekten Regeln und wir vermissen die Fehlentscheidungen der Schiedsrichter, denn die spielen jetzt für das Team, das einzige Team. Wenn es nur eine Mannschaft gibt, dann ist das kein moderner Sport. Das erinnert eher an die Sklaven im Römischen Reich, die unter Jubeln und Schreien der Menge in Stücke gerissen wurden.

Eine Wahl zu haben ist aber keine Option, wenn das gesamte Spiel von derselben Person geführt wird. Der Kapitän, der nicht nur Trainer ist, sondern auch Stadionordner, wird weiterhin Tore schießen, und die Menge wird jubeln. Die totale Einstimmigkeit wird die Zuschauer im Stadion mit Liebe und Freude erfüllen. Diejenigen, die erkennen, dass es sich nur um eine Show handelt, und finden, dass es komisch ist, wenn ein Spieler seine Schiedsrichter aussucht und die Spielregeln merkwürdig sind, werden versuchen zu buhen. Aber das ist schwierig, wenn die Bajonette kommen und sie so lange verschwinden lassen, bis das Endergebnis erreicht und die Null komplett und unumkehrbar ist.

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