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Die Nacht der tödlichen Proteste

Die Nacht der tödlichen Proteste
Bildquelle :1 Wikimedia Commons / Ian Lamont harvardextended.blogspot.com / CC BY 2.0

Hintergrund: Am 23. Februar 1991 putschte Armeechef General Suchinda Krapayoon die demokratisch gewählte Regierung Chatichai Choonhavan. Die Putschisten, die sich als Nationaler Rat für Erhaltung der Ordnung (NPKC) formierten, bestellten Anand Panyarachun als Premierminister. Anands Übergangsregierung verkündete eine neue Verfassung und setzte Parlamentswahlen für den 22. März 1992 an.

Daraufhin wählte eine Koalition von 55 Prozent der Abgeordneten den Putschisten General Suchinda zum Premierminister, der kein Abgeordneter war. Sofort gab es massive Proteste. Am 9. Mai kündigte der General an, dass es insoweit eine Verfassungsänderung geben würde, als dass nur Parlamentarier auch Premierminister werden dürften. Es sollte aber eine Ausnahmeregelung geben, nämlich dass General Suchinda von dieser Änderung nicht betroffen und weiterhin Premierminister bleiben würde. Danach wurden die Proteste immer massiver und endeten mit einem Massaker, das als „Schwarzer Mai“ in die thailändische Geschichte einging.

Der Journalist Scot Donaldson erinnert sich:
Sie wollen nicht dorthin“, sagte ein Kollege. „Da gibt es verdammt blutige Straßenschlachten.“ Es war Montag, der 18. Mai 1992, und friedliche Proteste auf Bangkoks Straßen schlugen eine andere Richtung ein. Sicherheitspersonal des Militärs hatte am Abend zuvor das Feuer auf Demonstranten eröffnet, und Thailands Versuch, sich aus der Umklammerung ständiger Militärdiktaturen zu befreien, geriet schnell außer Kontrolle.
Wir hatten zuvor in der Nachrichtenredaktion gesessen und Bilder gesehen, wie Demonstranten Stadtbusse kaperten und kamikazemäßig Richtung militärischer Linien fuhren. Militärische Einheiten beschossen aggressive Motorradfahrer. Brände brachen in der Stadt aus, weil Pflastersteine durch Molotowcocktails ersetzt wurden.

Am schlimmsten aber waren Berichte über einen Tanklastzug, der von rund 100 Motorradfahrern Richtung Ratchadamnoen Avenue begleitet wurde und als Waffe gegen Soldaten mit nervösen Zeigefingern eingesetzt werden sollte, die sich am Demokratiedenkmal verschanzt hatten.
Dennoch wollten mein australischer Kollege Chris Burslem und ich mit eigenen Augen sehen, was an diesem Abend auf der Ratchadamnoen Avenue passierte. Wenn wir nur ein Taxi finden konnten, das uns in die Nähe brachte. Nach einer Stunde fehlgeschlagener Versuche fanden wir ein Taxi, das das Fünffache des regulären Fahrpreises aufrief. Ich fragte mich, ob wir womöglich auf den Weg in den Abgrund waren.
Ich war erst ein Jahr bei der Presse, nachdem ich nach Thailand gezogen und bei „The Nation“ angefangen hatte. Später habe ich auch für die „Bangkok Post“ gearbeitet, aber 1992 war Bangkok für mich weitestgehend ein Mysterium.
Unser Taxi fuhr durch namenlose Seitenstraßen bis wir Schüsse hörten. Das war das Ende. Wir stiegen irgendwo nahe Dusit aus. Danach waren wir auf uns selbst gestellt. Noch bevor wir den Fahrer bezahlen konnten, kam ein Polizei-Pick-up vor uns mit quietschenden Reifen zum Stehen. Zwölf schwer bewaffnete Männer mit Helmen und kugelsicheren Westen sprangen ab und richteten ihre Schusswaffen auf ein nahe liegendes Gebäude. Sie schossen und suchten an den Fenstern der umliegenden Apartments nach möglichen Scharfschützen. Wir hatten es sehr eilig, da wegzukommen.

Als wir Richtung Demokratie-Denkmal gingen, erkannten wir die Taktik des Militärs und der Polizei. Demonstranten wurden mittels Stacheldraht und Kontrollpunkten isoliert, wo auch immer sie auftauchten. Wir gelangten zu mehreren dieser Einkesselungen.
Die größte Einkesselung war merkwürdig ruhig. Hunderte Demonstranten schliefen in den Straßen, während ihr Anführer sie gleichzeitig mit einem Megafon antrieb, allerdings vergeblich. Das war so gegen zwei Uhr morgens. Ihr Abend war vorüber, aber für uns begann die Nacht.
Wir gingen weiter, kamen an einer Gruppe von Leuten vorüber, die sich vor Blutlachen auf dem Bürgersteig versammelt hatten. Ein Mädchen schluchzte, während wir das Echo von Gewehrsalven hörten. Wir wagten nicht zu fragen.
Wir kamen zur letzten Kontrollstelle, gegenüber einem Kanal an der Ratchadamnoen. Ein Sergeant bellte uns auf Thai Befehle entgegen. Wir zeigten unsere Presseausweise. Es folgte eine Tirade, von der wir meinten, sie dauerte zehn Minuten. Er zeigte auf den Gehsteig zu beiden Seiten der Straße. Ich verstand sehr wenig. Aber laut Chris wollte er wohl nicht, dass wir auf der einen oder anderen Seite langgingen. Wenn, dann auf der Mitte der Straße, aber nicht so weit runter.

Da bemerkte ich diese Kamikaze-Busse, jeder von Kugeln durchsiebt, sie waren alle verunglückt, gegen Bäume oder Laternen gefahren. Etwas weiter unten konnte ich den berüchtigten Tanklaster entdecken, von dem wir Bilder im Büro gesehen hatten. Die Scheiben und Räder waren zerschossen, das Führerhaus verbrannt. Er stand harmlos neben einem Baum.
Weiter unten in der Nähe der Behörde für Öffentlichkeitsarbeit hörten wir ab und zu Gewehrsalven. Das Gebäude war in Brand gesteckt worden, das Feuer außer Kontrolle.
Vor uns lagen Hunderte, vielleicht Tausende Soldaten auf der Straße und schliefen, eine merkwürdige Wiederholung dessen, was wir zuvor gesehen hatten. Sie schienen auch erschöpft, klammerten sich an die Waffen und wussten offenbar nicht so recht, was um sie herum vorging.
Gegen 4.30 Uhr begann die Armee mit der Mobilmachung. Die Soldaten stellten sich in Kolonnen auf, die bis hin zur Avenue reichten.
Um Platz zu machen, gingen eine Handvoll Journalisten und Fotografen von der Straße auf den Bürgersteig, und dann marschierten die Soldaten los. Es bot sich ein Bild unglaublicher Feuerkraft. M16-Schnellfeuergewehre, M60-Maschinengewehre, M89-Granatwerfer. Jeeps mit schweren Maschinengewehren, gepanzerte Mannschaftswagen mit Kanonen. Irgendwo entdeckte ich einen tollpatschig wirkenden Soldaten, der eine Bazooka auf dem Rücken trug. Diese Soldaten, die auf die Straßen Bangkoks entlassen wurden, wirkten wie eine schwer bewaffnete Division, die in die Schlacht zog.

Wir überlegten schnell, und Chris schlug vor, dass wir die Nachhut der Soldaten bilden sollten, während sie nach vorne marschierten. Wir könnten uns dann nach einer guten Ausgangsstellung umsehen. Als die Soldaten näher kamen, luden und entsicherten sie ihre Waffen. Eine Masse von Körpern, die sich in der Mitte der Straße Richtung Royal Hotel voranbewegte.
In einer choreographierten Sequenz ließen sich die Soldaten außen auf ein Knie nieder und richteten ihre Waffen auf die Fenster der Gebäude an der Ratchadamnoen, wie bei einer Anti-Scharfschützenformation. Die Reihe marschierte weiter und die Scharfschützen drehten sich und bildeten ein Hufeisen, die letzten Soldaten richteten ihre Läufe jetzt nach hinten. Mir wurde vom letzten Mann dieser Formation der Weg abgeschnitten. Rund fünf von uns standen draußen, direkt vor unseren Köpfen eine M16.
Als wir uns Richtung Bürgersteig zurückzogen, wurden wir von einer Abteilung Soldaten umzingelt, wir mussten uns auf den Boden legen. Ich fragte mich, ob das die Militärpolizei war. Ich dachte an den bellenden Sergeant. Dann wurde mir das Hemd über meinen Kopf gezogen, und mein Bauch auf den Boden gedrückt. Ein Offizier schrie Fragen auf Thai mit einer Intensität, die ich besser verstand als die Wörter. Ich hob meinen Kopf und gab mich als Journalist zu erkennen, nur um wieder nach unten gestoßen zu werden. Die Soldaten bildeten Schulter an Schulter einen engen Kreis um uns, während wir auf dem Boden lagen. Ich fragte mich, ob wir spurlos verschwinden konnten. Ich sah nur blank geputzte Stiefel, Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Keiner von uns sagte ein Wort.
Nachdem unsere Sachen konfisziert worden waren, erlaubte uns ein Offizier uns hinzusetzen, damit wir unsere Presseausweise zeigen konnten. Zwei von vier Fotografen wurden die Augen verbunden und gefesselt. Die Soldaten durchsuchten ihre Ausrüstung und rissen alle Filmrollen auf, die sie finden konnten, um sie wertlos zu machen. Der Anführeroffizier sprach mit einem der Fotografen. Ich konnte nichts verstehen, aber die Antworten des Fotografen waren nicht die Richtigen, denn die Soldaten begannen mit ihren Stiefeln in seinen Rücken zu treten. Der Fotograf mit den verbundenen Augen verzog sein Gesicht, blieb aber still.
Die Krise war vorüber, als die Soldaten ihre Einschüchterung als erfolgreich ansahen und der Kreis der Stiefel, der uns umgab, abmarschierte. Wir durften auf dem Bürgersteig sitzen.

Der Himmel wurde durch Leuchtspurgeschosse erhellt, und dann wurden hunderte automatische Waffen gleichzeitig abgefeuert. Es gab kein offensichtliches Muster, was diese Schüsse betraf. Maschinengewehrnester auf den Dächern schossen Leuchtspurgeschosse in die Dunkelheit über der Khao San Road. Nur das Geschrei von Offizieren übertönte das Rauschen der Maschinengewehre, und das dauerte bis Tagesanbruch.
Als die Morgensonne aufstieg, sahen wir, dass unsere Militärwachleute sehr jung waren. Zuvor waren sie gesichtslose, Furcht erregende Dämonen gewesen.
Die Straße sah aus wie die Hölle. Neben den sieben oder acht von Kugeln durchsiebten Bussen lagen Müll, Glassplitter, Patronenhülsen, es waren Blutlachen zu sehen. Ein paar hemdenlose Touristen aus der Khao San Road liefen herum und sammelten Patronenhülsen ein und machten Fotos von dem Tanklaster. Jetzt oder nie. Ich stand auf und ging auf die Touristen zu in der Hoffnung, mich unerkannt unter sie mischen zu können. Blöde Idee. Ich war fast da, als mein Bewacher hinter mir her rannte und mich zurückstieß.
Ich setzte mich wieder hin und beobachtete verzweifelt, wie die Armee Demonstranten die Straße herunterführte. Ihnen waren mit ihren T-Shirts die Hände gefesselt worden. Sie wurden in wartende Laster verladen. Sie wurden gestoßen und getreten. Die Soldaten in meiner Nähe lachten und jubelten.

Ich entdeckte Chris, der auf dem Rückweg vom Royal Hotel war. Ich winkte ihn zu mir und bat ihn, mit den Aufpassern zu reden und herauszufinden, weshalb ich gefangen gehalten wurde. Nach einem längeren Gespräch mit einem der beiden Offiziere kam er zurück und sagte mir, dass ich irgendwo aus der Reihe getanzt wäre, ich solle mir keine Sorgen machen. Der Offizier warte nur auf seinen Vorgesetzen, der auftauchen und mich und die anderen gehen lassen würde.
Nach rund einer Stunde kam eine neue Gruppe von Soldaten, die uns sagte, wir sollten uns hinstellen. Wir wurden dann zum Royal Hotel gebracht, wer zu langsam ging, wurde gestoßen.
Vor dem Hotel saßen Hunderte Demonstranten auf dem heißen Asphalt mit auf dem Rücken gefesselten Händen und gebeugten Köpfen. Ein Soldat riss mir das Hemd vom Leib und fesselte damit meine Hände auf dem Rücken. Ich wollte ihm sagen, dass ich ein Journalist sei. Ich musste mich auf die Straße setzen.
Chris, der mich begleitet hatte, eilte zu Hilfe. Aber auch er wurde gefesselt und musste sich setzen. Mehrere Demonstranten sahen entsetzt in unsere Richtung. Wir waren die einzigen Farangs in der Nähe. Ein Teenager vor mir nickte mir freundlich zu, was sofort die Aufmerksamkeit eines Soldaten erregte, denn das war nicht gestattet.
Nachdem ich den ganzen Morgen lang die Militäraktionen beobachtet hatte, die wirkten, als hätten böse Invasoren die Landesgrenzen überrannt, konnte ich dieses absurde Theater kaum mehr fassen. Das war kein Krieg. Das waren keine Feinde. Die Armee hat ihre ganze Feuerkraft eingesetzt – gegen diese Leute, ihre eigenen Leute, die für ein wenig Demokratie alles riskiert haben.

Einer der Fotografen, mit dem ich die ganze Nacht zusammen war, wurde neben mir auf den Boden gestoßen. Er brach zusammen und weinte. Nach einiger Zeit kam eine neue Gruppe Soldaten, die meinen Ausweis sehen wollte. Ich deutete auf meine Tasche. Einer der Soldaten griff nach meiner Brieftasche und nach einer Weile fand er meinen Presseausweis.
Entschuldigung, tut mir leid“, sagte er, während er meine Hände losband. „Sie können jetzt gehen.
Ich zog mein Hemd an und versuchte so gut wie möglich, den armen Fotografen zu trösten und wünschte ihm alles Gute. Bevor ich mich abwandte, sah ich noch mal zum dem Jugendlichen hinüber der mir zugenickt hatte. Mit auf dem Rücken gefesselten Händen, machte er ein Victory-Zeichen.

Beitragsquelle : http://www.bangkokpost.com/news/special-reports/1249322/the-night-a-bangkok-protest-turned-deadly

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