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Die moralische Bankrotterklärung der Mittelklasse

Die moralische Bankrotterklärung der Mittelklasse

Militärregierungen sind in Thailand nichts Unbekanntes. Obwohl Thailand 1932 eine konstitutionelle Monarchie wurde, setzte sich in diesen 86 Jahren in den Köpfen der Thais fest, dass es gar nicht so übel ist, wenn das Militär regiert, und es mit der Rechtstaatlichkeit nicht so genau genommen wird.
Kaum ein Jahr, nachdem Thailand 1932 ein demokratisches Land wurde, putschte Phraya Phahol Pholpayuhasena, der es als notwendig erachtete, das Land wieder auf den alten Kurs zu bringen. Es war „ein Putsch, der alle Putsche beenden“ sollte. Doch in Wirklichkeit war dieser Putsch erst der Anfang. Die Militaristen lernten, dass ein Putsch ein Weg ist, die Macht zu ergreifen und für einen nicht näher bestimmten Zeitraum an der Macht bleiben zu können. Das Volk spielte hier oftmals eine passive Rolle. Es kam vergleichsweise nur selten zu einem Aufbegehren gegen die Offiziere.

Heutzutage manifestiert sich diese einzigartige Toleranz gegenüber einem totalitären Regime in der urbanen Mittelklasse des Landes, die den Putsch 2014 aus tiefstem Herzen begrüßte, mit dem eine demokratisch gewählte Regierung gestürzt wurde, und die die Militärherrschaft ohne zu viele Nebenwirkungen erdulden – oder vorgeben, sie zu erdulden. Diese traurige Ergebenheit gegenüber einem mittelalterlichen System macht sie zu Apologeten von Diktaturen.

Diese Toleranz der Mittelklasse machte sie paradoxerweise intolerant gegenüber der Meinungsfreiheit und einem demokratischen Prozess. Es macht sie unempfindlich, ja sogar gleichgültig gegenüber Ungerechtigkeit und der offenen Verletzung von Grundrechten des thailändischen Volkes. Ihr Moralkodex ist so formbar, dass sie zu einem Werkzeug für Demagogie und Tyrannei werden können, ihre Landsleute verachten, wenn diese eine andere politische Einstellung haben, sich gegen einen demokratischen Prozess sträuben und bezüglich Freiheit und Meinungsfreiheit misstrauisch eingestellt sind. Sie halten nicht viel von demonstrierenden Studenten, obwohl die doch nur ihre Bürgerrechte ausüben.

Warum also hat die Mittelklasse in den Städten, wenn auch nicht alle, so aber die Mehrzahl dieser Bürger, eine Neigung zu autoritären Regierungsformen?
Die offensichtlichste und einfachste Erklärung ist, dass autoritäre Regime die gleichen Interessen haben wie Bürokraten und Geschäftsleute. Die meisten Leute der Mittelklasse haben allerdings nicht die intellektuelle Kapazität, die Nuancen der thailändischen Politik zu verstehen oder schlimmer, ein Demokratieverständnis zu entwickeln, über Globalisierung und internationale Normen Bescheid zu wissen.

Hinzu kommt, dass fehlgeleiteter Patriotismus die thailändische Mittelklasse in Bezug auf Wahlen misstrauisch macht und Repräsentanten einer Regierung sehen sie Politiker, die ihre Ansichten aus dem Ausland importierten. Daher bevorzugen sie autoritäre oder militärische Regime, die sie fälschlicherweise als Regierungen ansehen, die traditionelle thailändische Werte ehren. Nicht weniger wichtig sind auch die Mainstream-Medien, die die einiges zu wünschen übrig lassen, wenn es um die Präsentation der ganzen Wahrheit geht.

Die urbane Mittelklasse macht der letzten demokratischen Regierung Vorwürfe und applaudiert der jetzigen Militärregierung, dass sie das Land befriedete und Ruhe und Stabilität einkehrten. Das nach einer langen Periode des politischen Chaos, das die Hauptstadt mitunter lahm legte.

Die Mittelklasse glaubt auch an das Narrativ, dass der Putsch die Korruption beendete, wenn auch paradoxerweise von einem Rückgang der Korruption nicht die Rede sein kann.

Gleichzeitig wird auch die Tatsache ignoriert, dass Demokratie vom Militär schon immer sabotiert wurde, und dieser Regierungsform nie Zeit gelassen wurde, sich richtig zu entwickeln und damit durchzusetzen. Immer gab es einen Putsch, quasi als Abkürzung, wenn dem Militär etwas nicht passte.

Die Mittelklasse will in Bezug auf den letzten Putsch auch nicht einsehen, dass das Militär mit politischen Alliierten zusammenarbeitete, damit letztere einen Putsch provozierten, den die Militärs dann auch exekutierten. Nach dem Putsch gingen die Generäle her und sagten, sie hätten für Ruhe und Ordnung gesorgt.
Diese Stabilität wird erreicht, indem, so formulierte es die Neue Zürcher Zeitung, „ein Militärregime die Bevölkerung seit nunmehr vier Jahren bevormundet und an der Nase herumführt.“ Es gibt doppelte Standards, die Medien werden zensiert und die Meinungsfreiheit unterdrückt. Dissidenten werden in Kasernen „zum Kaffee eingeladen“ oder zumindest schikaniert, es gibt keine Versammlungsfreiheit.

Diese Art von Stabilität führt weder zu Fortschritt noch zu Versöhnung. Leute, für die Stabilität das höchste Gut ist, tendieren dazu, den Überblick zu verlieren, wenn es um eine größere politische und wirtschaftliche Perspektive geht, und es eigentlich notwendig wäre, das Land vorwärts zu bringen.

Sollte die Priorität der Militärregierung nicht eigentlich auf der Wirtschaft liegen, damit es den Leuten besser geht, denen es aber seit dem Putsch immer schlechter geht?

Würde es einer demokratisch gewählten Regierung nicht einfacher fallen, das Land auf internationaler Bühne wieder in die richtigen Bahnen zu lenken? Wird es nicht langsam Zeit, endlich einen Wahltermin anzusetzen?

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