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Der rasende Buchbinder

Der rasende Buchbinder
von Wolfgang Rill

So wie ein gut gebundenes Buch einen gut gearbeiteten Buchrücken brauchte, braucht Karl Wunderstab ein Auto. Das war so, seit er siebzehn war und er Vaters Opel schon fahren durfte, weil Vater für das Geschäft eine Sondergenehmigung erwirkt hatte. Das Besteigen des Opel Olympia war für Karl als bestiege er seine erste Freundin. Das Drehen des Zündschlüssels war ihm ein Flug über die Welt. Jeder Kilometer war für Karl eine Sinfonie. Und Vater verstand das. Ihm ging es genauso.
Ein junger Mann, der innerlich so im Benzin schwamm wie Karl, sollte eigentlich Automechaniker oder Testfahrer oder Rennfahrer werden. Nicht so Karl. Er hatte eine zweite Leidenschaft: das Papier. Das traf sich gut, denn Vater hatte eine mittelgroße Buchbinderei. Oft las Karl sogar, was in einem der Bücher stand, die dort gebunden wurden, so wie er sich immer dafür interessierte, was beim neuen Ford Capri unter der Haube war.
Ein PS-Erotiker, aber wenigstens kein Fußballfan, stöhnte sein Vater. Und er kaufte Karl seinen ersten Morris Mini Cooper, als Karl bekundete, er wolle beim Vater in die Lehre gehen. Die Firmenwagen durfte Karl sowieso fahren und
kein Mensch hat je so gut mit einem 7 ½ Tonner getanzt wie Karl. Nichts, was einen Benzinmotor besaß, war vor ihm sicher. Er trieb es sogar mit Traktoren. Er war Hubraum-Nymphomane. Er war der Stolz seines Vater, die Freude der Belegschaft und das Objekt der Begierde für Sabina Leichnitz, die ihn von der Schule kannte. Er war zwei Klassen über ihr gewesen. Sie war ihm in die Buchbinderei gefolgt.
Sabina zeigte Karl, dass ein Spurt über die Autobahn im feuerroten BMW 2000 i noch dadurch zu steigern war, dass eine Blondine im ebenso feuerroten Minikleid auf dem Beifahrersitz saß. Sie gaben sich den Brautkuss stehend auf den Vordersitzen eines Porsche Carrera Cabrio.
Die Buchbinderei lief gut. Zwar las kaum noch jemand Bücher, aber viele kauften sie, weil sich das so gehörte. Große Firmen bestellten Jahrbücher für Jubiläen, die meistens in Mülleimern landeten, der Binderei aber gutes Geld brachten. Wenn eine Bestellung einging, war Karl sofort da. Auch wenn etwas auszuliefern war, egal wohin, auch nach Österreich, auch nach Norwegen, war Karl bald dort. Und das alles nach Feierabend oder am Wochenende, denn er war ein gewissenhafter Buchbinder.
Der Vater starb, die Buchbinderei ging in Karls Hände über, Sabina schenkte ihm zwei Söhne und eine Tochter, alle auf dem Liegesitz eines Maserati gezeugt. Die Welt war schön und sollte so bleiben.
Doch damit nicht alles überhand nimmt, hat der liebe Gott den Führerschein erfunden. „Herr Richter, Sie bringen ihn um!“, hat Sabrina hysterisch geschrien, als der Richter zehn Monate Fahrverbot anordnete. Zwar kannte Karl alle Blitzer im Umkreis von 200 km, zwar hatte er eine Nase für Verkehrskontrollen und für Polizeiautos, doch war auch er nur ein Mensch. Er stellte Rekorde in Geschwindigkeitsüberschreitungen auf. Als er auf einer Ausfallstraße, wo 70 zulässig waren, 230 fuhr, war es dem gutmütigen Amtsrichter, noch dazu ein Stammtisch-Genosse, zu viel. Zehn Monate mussten sein.
Es waren die härtesten zehn Monate in Karls Leben.
Er hatte keinen Appetit mehr. Er fiel vom Fleisch. Er konnte nicht schlafen und nicht bei­schlafen. Er wurde nervös und fahrig, vergaß die einfachsten Sachen und die Kunden wunderten sich, wie langsam die Buchbinderei Wunderstab neuerdings lieferte. Sabrina weinte. Karl starrte stumpfsinnig vor sich hin. Er wurde bettlägerig. Nicht, dass er krank wurde, er lag nur einfach im Bett. Es lohnte sich nicht aufzustehen. Er blieb liegen. Draußen wartete eine Welt voller Benzinmotoren und Karl durfte an keinem Zündschlüssel drehen, keinen Gang einlegen, keine Kurve im Power­slide nehmen. Die Kinder kamen ans Bett und schenkten Karl Wiking Autos. Da brach er in Tränen aus.
„Fahr einfach mal eine Nacht im Maserati nach Paris, verdammt noch mal!“, sagte Sabrina. „Trink am Champs-Élysées einen Calvados und komm zurück. Hast du früher doch so gern gemacht.“
„Ach, das ist nicht dasselbe“, stöhnte es aus der Matratzengruft.
„Hier, ich hab was für dich“, sagte Sabrina. Es war ein Plastikkärtchen mit dem Foto von Karl. „Ein echter gefälschter Führerschein, total teuer“, sagte Sabrina.
„Ach, das ist nicht dasselbe“, stöhnte Karl.
Es war, als wäre in ihm eine Feder gebrochen, oder besser eine Nockenwelle. Es war, als habe er sich in sein Leiden verliebt.
Jetzt stand er auf dem nächtlichen einsamen Uniplatz in Fulda. Die Springbrunnen schwiegen, die meisten Fassadenbeleuchtungen waren ausgeschaltet, es war nachts kurz vor drei. Seit zwei Stunden stand er hier. Als eine Uhr von der Stadtpfarrkirche drei schlug, setzte er vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Dann den anderen vor den einen. Er tat so, als müsste er noch mal laufen lernen. Und er lief und lief. Er lief, lief, lief. Bei Neuhof soll er gegen Morgen noch mal gesehen worden sein. Im Spessart rief ihn eine Polizeistreife an, doch er ließ sich nicht aufhalten. Kurz vor der Schweizer Grenze wurde er zum letzten Mal gesehen.
Nach einem Jahr verkaufte Sabrina den Maserati. Die Buchbinderei wurde ihr überschrieben. Langsam vergaß sie und das Leben normalisierte sich. Ihre Kinder Luise, Fridjof und Moritz waren ihr eine Freude.
Eines Tages kam Moritz ins Büro gestürzt und rief: Mama, ich bin jetzt 16! Stell den Antrag.
Welchen Antrag?
Den auf den Führerschein mit 17!

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