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Der Auswanderer

Der Auswanderer
von Wolfgang Rill

Meinhard Fischer summt das Rhön Lied: „Ich weiß basaltene Bergeshöhn im Herzen der deutschen Gaun.“ Im Internet wollte er schon immer mal nachschlagen, was eigentlich mit „Gaun“ gemeint ist. Ob das was mit Gaumen zu tun hat? Oder mit dem Supergau, also dem größten anzunehmenden Unfall? Im Moment ist es aber schlecht mit dem Empfang auf dem Handy, denn er befindet sich dreihundert Meter über dem Guckaisee am Rande der Wasserkuppe in der Rhön. Unter ihm die „grünen Matten“ und die „klaren Bächlein“, von denen das Lied ebenfalls handelt, und vor ihm der Steuerknüppel mit dem er versucht, den Vogel im Bart zu halten. Der Vogel, das ist seine Rhönlerche, sein Segelflugzeug aus Bischofsheim und der Bart das ist der Aufwind, der sich über dem kleinen See gebildet hat. Im weiteren Fortgang passt das Lied noch mehr zu seiner momentanen Lage. Da „wehen die kühlenden Lüfte“ und „frei geht der Blick in die Welt hinein“. Aber heute bleibt die Euphorie aus. Jeder Segelflieger weiß es: Die Euphorie ist zu vermeiden. Sie ist gefährlich. Und doch genehmigt sich der erfahrene Flieger gelegentlich einen Fingerhut voll davon, manchmal sogar einen Maßkrug.
Nur heute bleibt es ganz aus, das Flattern im Bauch, das Gefühl wie Champagner im Hirn. Heute, er gibt es ungern zu und summt vorher lieber noch ein paar Zeilen Rhön Lied, aber heute langweilt er sich. Teuer genug, die Fliegerei, lang genug hat er dafür gelernt, geübt, gekämpft. Und dann das! Dann findet er das Herumschippern im Luft Meer plötzlich öde.
Matthias grüßt herüber. Er lächelt. Er hat einen Bart drüben über der Eube erwischt und schraubt sich schneller höher als er selbst. Ganz schön nahe ist er. Sie können sich gegenseitig in ihren Kanzeln sehen.
Er wird es niemandem erzählen können. Heute ist nicht das erste Mal, dass ihn in der Kanzel die Leere anspringt. Hat schon im Frühjahr begonnen. Früher war er begierig auf jeden Start, seit dem Frühjahr lässt er immer mehr den anderen den Vortritt. Und ist er dann oben, bleibt er nur aus Pflichtbewusstsein angemessen lange in der Luft, damit niemand das Gefühl hat, der Schleppstart sei ganz umsonst gewesen. Jetzt ist einer der letzten Flugtage im Herbst und jetzt gibt er es endlich vor sich selber zu: Die Fliegerei gibt ihm nichts mehr. Es ist vorbei.
Matthias kommt drüben zu nah an den ersten Kumulus heran. Er wechselt den Bart. Sucht ein bisschen herum und kommt dann rüber in seinen, Meinhards, Bart. Eigentlich verboten, so was, aber wer will uns alten Fliegern schon etwas verwehren.
Ja, es ist vorbei. Der Kitzel des Fliegens ist weg. Er wird aufhören. Er weiß auch, woran es liegt. Es liegt an einem Mann. Seine Ehe mit Gerda ist schon sieben Jahre her. Seither hat er mehr und mehr bemerkt, dass ihm Frauen nichts geben. Nie wieder Ehe! hat er sich geschworen. Immer mal wieder ein Besuch in der Erlebnissauna „Das fünfte Element“ hatte genügt. Als Elektroingenieur konnte er sich das leisten. Und dann kam das mit Matthias, der da drüben fliegt. Es war ein vertrunkener Abend in Fulda. Sie hatten sich mit verschwommenen Blicken über dem Biertisch plötzlich an den Händen gefasst. Und im Taxi zur Wohnung von Matthias hatten sie einander um die Schultern und überall sonst abgetastet. Und bei Matthias im Bett waren noch ganz andere Sachen passiert. Es war ein Rausch, eine Sensation. Auch für Matthias war es das erste Mal.
Einige Monate ging das gut.
Aber dann kam Yoebee. Matthias war plötzlich nicht mehr so wichtig. Er hat es sehr schwergenommen, aber Meinhard hat es kaum bemerkt. Viel zu sehr war er von dem neuen Mann wie besoffen. Ich habe mich rasend verliebt, dass musst du verstehen, hat Meinhard zu Matthias gesagt. Yoebee ist Philippino. Er war mit einer Studenten-Austauschgruppe für zwei Wochen in Fulda und davon acht Tage in seinem Bett. Es war umwerfend. Es war wie ein Langstreckenflug in die Alpen bei strahlendem Wetter.
Inzwischen hat er ihn besucht. Kabankalan heißt das Provinznest, in dem Yoebee wohnt. Ein gottverlassenes Kaff auf der Insel Negros. Dort gibt es kaum mal ein Spülklo, dafür aber viel Zuckerrohr. Aber Meinhard muss da hin. Arbeit wird es auch dort geben. Als er die Elektromasten in der Stadt gesehen hat mit ihrem Kabelgewirr, hat es ihm als Ingenieur den Magen umgedreht.
Ein Schatten huscht über die Kanzel. Das ist Matthias, der kurbelt direkt über ihm. Ist der verrückt? Weiß der, dass er viel zu dicht über mir ist?
Yoebee liebt Meinhard. Meinhard liebt Yoebee. So einfach ist das. Yoebee kann nicht nach Deutschland kommen. Der Vater krank, die Mutter braucht Hilfe, die Ausbildung, nein, er kann nicht. Meinhard muss kommen. Er wird kommen. Hier wird alles abgebrochen. Die Eigentumswohnung vermietet, der Flieger und das Auto verkauft. Noch in diesem Herbst geht´s los.
Aber so weit kommt es nicht. Matthias im anderen Flieger hat den Freund verloren. Vielleicht will er Rache üben. Vielleicht haben auch eine Schicksalsgöttin, eine Norne oder eine böse Fee etwas dagegen, dass Meinhard auswandert. Jedenfalls kracht es jetzt. Die beiden Männer sehen sich noch kurz in ihren Kanzeln bevor die beiden Flieger nach unten taumeln. Der eine mit abrasiertem Flügel, der andere mit zerschlagenem Heck.
Hat sowieso keinen Spaß mehr gemacht, die Fliegerei, denkt Meinhard beim Absturz. Aber er hat doch ein wenig Angst vor dem Aufprall. Und davor, dass er Yoebee nie wiedersehen wird.

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