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Aussichten der Allgemeinen Krankenversicherung

Aussichten der Allgemeinen Krankenversicherung

Die Anschaffung der richtigen medizinischen Geräte für ein krankes Familienmitglied kann einen Haushalt mit sechs Personen ein Vermögen kosten. Im Zentrum von Bangkoks Geschäftsbezirk Lumpini steht das heruntergekommene Haus der Familie Jan-urai, mitten in der Gemeinde Bon Kai, einem Slum neben einem Polo Club, in dem sich die reiche Bangkoker Elite zu Sportveranstaltungen trifft.

Der Slum ist von Baustellen umgeben, hier entstehen Einkaufszentren und Blöcke mit Eigentumswohnungen. Im starken Kontrast prallen hier die Welten der Reichen und Armen aufeinander – ein Viertel, in dem ein Mercedes neben der Rikscha eines Müllsammlers steht.

Anfang letzten Jahres erfuhr die Familie Jan-urai, dass Chan Jan-urai, der 69 Jahre alte Vater des Haushalts, unter einer chronischen Nierenerkrankung leidet. Seine Tochter Daungduen Seang-usa gab sofort ihre Stelle auf, um sich um den kranken Vater zu kümmern.

Chan ist bei der Allgemeinen Krankenversicherung (UHC), auch 30-Baht-Versicherung genannt, versichert. Um die Fahrtkosten in ein Krankenhaus zu sparen, erhielt Daungduen Unterricht von einem Arzt, der sich mit dem Fall ihres Vaters beschäftigte, um die kontinuierliche ambulante Peritonealdialyse (CAPD) zu Hause durchführen zu können.

Während der CAPD wird eine Flüssigkeit, das Dialysat, mittels Katheter in den Unterleib ihres Vaters geleitet. Das Dialysat extrahiert unter anderem Giftstoffe und Chemikalien aus dem Blut. Der Prozess muss mindestens viermal pro Tag durchgeführt werden. Für die Behandlung müssen beste hygienische Bedingungen herrschen. Doch Chans Haus liegt in einem Slum, in dem nicht nur die Hygiene ein Problem ist.

Wir haben Chan für die CAPD jeden Tag mit dem Taxi ins Krankenhaus gebracht, aber das konnten wir uns auf Dauer nicht leisten“, sagte Daungduen. „Jedes Familienmitglied verdient genug, um über die Runden zu kommen, aber einige von uns können trotzdem kaum überleben. Wir mussten 30.000 Baht von einem Verwandten borgen, damit wir für Vater ein eigenes Zimmer mit Klimaanlage bauen konnten.“

Aber nicht nur das Zimmer kostet die Familie Geld. Weitere Kosten entstehen für medizinisches Zubehör wie Katheter und Verbände, hinzu kommt die Stromrechnung.

Dank der UHC sind die Behandlung und die Dialyseflüssigkeit gratis.

Doch Daungduen hat kaum noch für sich selbst etwas zu essen übrig. Der Rest der Familie hilft ihr bei den Lebenshaltungskosten – außer der Mutter, die unter starken Rückenschmerzen leidet.

Als Tedros Adhanom von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) anlässlich eines offiziellen Besuches in Thailand Anfang Februar die Jan-urai-Familie besuchte, fragte er Daungduan, wie es aussähe, wenn die UHC für ihren Vater nicht bezahlen würde.

Wir könnten nur auf seinen Tod warten“, lautete ihre Antwort.

Die UHC wurde 2002 von dem damaligen Premierminister Thaksin Shinawatra eingeführt und basiert auf einer Idee von Doktor Sanuan Nitayarumphong.

75 Prozent der Thais sind in der UHC krankenversichert, rund 48 Millionen Menschen. Die übrigen sind entweder im Social Security Scheme oder beim Civil Servant Health Welfare versichert.

Auch wenn mit der UHC viele Leben gerettet werden konnten, stehen thailändischen Bürgern nach wie vor Hindernisse im Weg, wenn sie Zugang zum Gesundheitssystem suchen. Daunguens Familie ist ein gutes Beispiel hierfür.

Ich glaube, dass, selbst wenn die Krankenversorgung kostenlos ist, nicht alle Leute gleich behandelt werden“, sagte sie.

Der ungleiche Zugang spiegelt sich vor allem bei informellen und schlecht bezahlten Arbeitern wider. Während sie einerseits im Rahmen der UHC kostenlos behandelt werden, müssen sie wegen der niedrigen Einkommen andererseits häufig Überstunden machen. Das kann sie Gesundheitsrisiken wie Stress, Alkoholmissbrauch und anderer Sucht wie Rauchen aussetzen.

Der Besuch in einem Krankenhaus bedeutet einen unbezahlten Urlaubstag. Einige Arbeiter sagten, der Gang ins Hospital sei Zeitverschwendung, er gefährde ihre Möglichkeit, Geld zu verdienen. Stattdessen gehen sie lieber in eine Klinik oder eine Apotheke in der Nähe des Arbeitsplatzes.

Arbeiter, die in der Landwirtschaft sind, sehen sich mit anderen Risiken konfrontiert, sie haben täglich mit gefährlichen Chemikalien zu tun. Große Firmen und Landwirtschaftsbetriebe profitieren von diesen Arbeitern, die für wenig Lohn ihre Gesundheit aufs Spiel setzen.

Wenn man diese Bedingungen einbezieht, ist es nicht überraschend, dass laut Office of the National Economic and Social Development Board die oberen 20 Prozent zehnmal mehr als die unteren 20 Prozent verdienen. Sieben Millionen Menschen leben in Thailand trotz wachsendem Bruttoinlandsprodukt in Armut.

„Dass es mit der Volksgesundheit heutzutage besser steht als früher, liegt laut Gesundheitsminister Piyasakol Sakolsatayadorn nicht hauptsächlich an der Krankenversicherung, sondern hat andere Ursachen. Der Erfolg liege an öffentlichen Investitionen in Bildung, Infrastruktur, der Stärkung der Frauen und der Zugang zu sauberem Wasser und sauberen Sanitäranlagen.

Sangnim Lee vom National Centre for Global Health and Medicine in Japan sagte letzten Monat bei einer Konferenz, dass „eine Perspektive von gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklung gefordert wird, um sicherzustellen, dass sich Leute Krankenversicherungen leisten können.“ Entweder indem sie sich selbst versichern oder sie vom Staat zwangsversichert werden.

Die UHC hat keine Vorlage, wie die Qualität der Behandlung verbessert werden und die vielen Patienten abgebaut werden können, die in die Krankenhäuser gehen. Die Allgemeine Krankenversicherung wird weiteren Herausforderungen gegenüberstehen, weil die thailändische Bevölkerung immer älter wird. Das Budget hat sich innerhalb von eineinhalb Jahrzehnten von 56 Milliarden Baht 2003 auf 166 Milliarden Baht 2017 verdreifacht.
Laut Weltbank sind elf Prozent der thailändischen Bevölkerung, rund 7,5 Millionen Personen, 2016 über 65 Jahre alt gewesen. 1995 waren es fünf Prozent. 2040 sollen es laut Prognosen 17 Millionen, also über ein Viertel der Bevölkerung, sein. In der asiatisch-pazifischen Region gibt es in China und Thailand die meisten Senioren.

Das wird sich auf die thailändische Wirtschaft auswirken, dazu zählen auch Arbeitskräftemangel und eine erhöhter Bedarf für Pflegekräfte, die sich um die Senioren kümmern.

Eine Rentenversicherung wie sie aus Industrieländern bekannt ist, gibt es in Thailand indes nicht.

Die Gesundheit älterer Leute wird leiden, wenn sie keine gut bezahlten Jobs haben, nicht in angemessener Umgebung leben und falls sie keinen Zugang zum Krankenversicherungssystem haben – die UHC kann für diese Punkte nicht sorgen.

Bei seinem Besuch in Thailand sagte Adhanom, die UHC habe bei ihm in Bezug auf das Durchbrechen finanzieller Barrieren und der Einbeziehung der Gemeinden einen guten Eindruck hinterlassen, doch Thailand müsse sich weiterhin um eine bessere Qualität im Gesundheitssystem bemühen.

Seitdem es die UHC gibt, ist die UHC immer wieder Gegenstand von Diskussionen über die finanziellen Herausforderungen. Hier spielt die polarisierte Politik hinein. So behaupten Konservative, die Allgemeine Krankenversicherung sei nichts anderes als „schlechter Populismus“.

Es gab Vorschläge, dass bei Behandlungen nicht nur 30 Baht erhoben werden, sondern Patienten je nach Kosten prozentual zuzahlen sollen, dass die Versicherung nur für die Ärmsten gelten soll.

Insbesondere die Zuzahlung wurde von der jetzigen Militärregierung, die Geld gern für Waffen und Propaganda ausgibt, als ernst zu nehmende Alternative angesehen. Immer wieder sagte Premierminister General Prayuth, die UHC sei eine finanzielle Belastung für die Regierung. Er deutete auch an, die Versicherung ausschließlich für Bedürftige zugänglich zu machen.

Letztes Jahr unterstützten Beamte des Gesundheitsministeriums und die Regierung die Kampagne des Rockstars Artiwara „Toon“ Kongmalai, der von Betong in Yala nach Mae Sai in Chiang Rai rannte und dabei Gelder für elf Krankenhäuser sammelte, damit diese medizinische Geräte anschaffen konnten.

Die Öffentlichkeit, die Artiwara als Helden feierte, war erstaunt über Beamte, die auf dem Weg von Süd nach Nord Spenden einsammelten – sind es doch genau diese Beamte, die eigentlich dafür sorgen müssten, dass das Gesundheitssystem für jeden zugänglich ist und den Bürgern die bestmögliche Behandlungsqualität bietet.

Noch ironischer ist vielleicht die Tatsache, dass 17 Prozent der Spendeneinnahmen in Höhe von 1,3 Milliarden Baht an das Phramongkutklao Hospital gingen, ein wohlhabendes Militärkrankenhaus nahe dem Bangkoker Victory Monument.

Die Spenden wurden unter den elf Krankenhäusern in der Weise aufgeteilt, dass die größeren Hospitäler mit mehr Betten und Patienten auch mehr Geld bekamen. Große Krankenhäuser, die für Public Relation bezahlen können, bekamen demnach mehr Geld als kleinere Hospitäler auf dem Land, die das Geld eigentlich dringender benötigt hätten.

Es ist unwahrscheinlich, dass ein Krankenhaus, das Familien wie den Jan-urais kostenlose Behandlung gewährt, Werbekampagnen bezahlen kann, um mehr Geld zu verdienen.

Auch wenn es bewundernswert sein mag, was Rockstar Artiwara getan hat, so bleibt diese Aktion, mit deren Hilfe medizinische Geräte gekauft wurden, doch einmalig. Seine Kampagne war vielleicht eine vorübergehende Lösung, sicherlich aber keine dauerhafte.

Festzuhalten bleibt außerdem, dass der Versuch der Regierung, eine für alle gerechte Krankenversicherung anzubieten ohne dass die Kosten explodieren, von einem einzigen Mann in den Schatten gestellt wurden, der so erfolgreich war, dass er über eine Milliarde Baht an Spenden einsammeln konnte.

Thailand könnte sich an anderen Ländern orientieren. So hat beispielsweise Kenia angekündigt, dass eine Allgemeine Krankenversicherung Priorität habe. Letztes Jahr hatte bereits die Regierung in Madagaskar ein entsprechendes Gesetz verabschiedet, wonach ein nationaler Solidaritätsfonds für die Krankenversicherung gegründet werden soll. Am 1. Februar kündigte Indien an, für die ärmsten Bürger, das sind eine halbe Milliarde Menschen, eine kostenlose Krankenversicherung einführen zu wollen.

Thailand hat diese schon, ist jetzt aber in einer Übergangsphase, und muss die UHC verbessern.
Bei den Kosten für Behandlungen und Medikamenten sollte nicht übersehen werden, dass gesunde Bürger der Gesellschaft etwas zurückgeben können, in arbeitsfähigem Alter beispielsweise ihre Arbeitskraft.

Beitragsquelle : https://www.bangkokpost.com/news/special-reports/1414050/checking-up-on-universal-coverage

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