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Alles geht in Rauch auf

Alles geht in Rauch auf

Die Condo-Verkäufer weisen gern darauf hin, dass man, je höher man wohnt, umso gesünder lebt. Sie sagen einem, dass die Luft hoch oben über Bangkok gar nicht so übel ist. Von da oben kann man auch atemberaubende Sonnenuntergänge sehen. Die sollen, glaubt man den Verkäufern, so toll sein wie nach einem Vulkanausbruch. Nicht einmal in zehn Jahren, nicht einmal im Jahr, nicht jeden Monat, sondern jeden Tag!
Mitte der 80er Jahre war das höchste Gebäude in Bangkok 33 Stockwerke hoch. Jetzt, 35 Jahre später, hat das höchste Gebäude 70 Stockwerke. 2025 soll ein Wolkenkratzer mit 125 Stockwerken eröffnet werden.
Der Drang, immer höher zu bauen, lässt niemals nach, denn es geht um Geld, und die Menschen scheinen den Himmel anzubeten. In der Antike wurden keine Hochhäuser gebaut, sondern Pagoden, eine höher als die andere. Sie sollten zumindest symbolisch die Götter erreichen, die irgendwo da oben, zwischen Himmel und Erde wohnen. Jetzt, da Wohnhäuser immer höher in den Himmel ragen, wird den Käufern versprochen, dass sie sich näher am Nirwana befinden als Normalsterbliche, die von da oben wie Ameisen aussehen.
Außerdem ist die Luft da oben viel besser, vorausgesetzt es gibt einen klaren Tag. Da kann man einmal die Klimaanlage in Ruhe lassen, auf den Balkon treten und tief durchatmen.
Wenn die Eigentumswohnungen verkauft werden, existieren sie in der Regel noch gar nicht. Es handelt sich quasi um Luftschlösser, deren Blick vom Balkon auf digitale Weise nachempfunden wird. Dieser digitale Blick mag später mit der  Wirklichkeit übereinstimmen oder nicht, aber die Farbe des Himmels in der Broschüre dürfte sich kaum von der Realität unterscheiden – wenn Jahre nach dem Kauf der Umzug ins Condo ansteht.
Wenn man nicht mehr in den Himmel blickt, sondern ganz normal auf die Skyline guckt, dann erkennt man, dass es doch einen Unterschied zwischen digitaler heiler Welt und Wirklichkeit gibt. In der Broschüre, in der der Blick vom Balkon simuliert wurde, waren die anderen Hochhäuser nicht zu sehen. Und auch nicht die Baukräne, die einen daran erinnern lassen, dass in der Umgebung noch sehr viel mehr Hochhäuser gebaut werden. Irgendwann ist alles zugebaut. Und bei diesem Schauspiel ist man live dabei.

Alles geht in Rauch auf
Alles geht in Rauch auf

Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg, denn wo gehobelt wird, da fallen Späne. Das heißt auf Bangkok übertragen: Wo gebaut wird, da entsteht Staub. Der weht dann in recht schöner nachbarschaftlicher Eintracht von der Baustelle zum eigenen Balkon herüber. Da wohnt man dann im 30. Stock, und was passiert? Es wird einem die Aussicht zugebaut. Es ist laut – und staubig.
Es ist nicht nur laut, weil gleich gegenüber gebaut wird. Es ist auch laut, weil die Straßengeräusche von unten nach oben dringen. Irgendwie stellt man sich immer vor, dass es so weit oben leise sein müsste. Vielleicht erzählen dass einem auch geschickte Condo-Verkäufer. Aber das stimmt einfach nicht. Es ist da oben bald genauso laut wie unten auf der Straße.
Und was spielt sich da unten auf den Bangkoker Straßen so ab? Da gibt es zum Beispiel zehn Millionen Autos und Motorräder. Da war man schon mal eine Stunde unterwegs, um überhaupt zum Condo zu kommen. Da werden auch soziale Kontakte abgetötet. Familie und Freunde wohnen in Bangkok. Aber man sieht sich selten, weil es einfach zu lange dauern würde, sie zu besuchen. Das war in den 80er Jahren schon so und heutzutage ist es trotz Stadtautobahn und Hoch- und U-Bahn immer noch so.
Die Fahrt ins Condo bleibt einem aber nicht erspart – weil man da ja jetzt wohnt. Immerhin ist man privilegiert. Man nimmt nicht so einen roten Bus ohne Klimaanlage mit offenen Fenstern, durch die heiße und staubige Luft ins Innere dringt, sondern man ist standesgemäß gereist. Wenn man sich ein Condo leisten kann, dann auch eine Taxifahrt. Vom klimatisierten Taxi aus beobachten man während der Fahrt Motorradfahrer, die mit Atemschutzmasken unterwegs sind.
Inzwischen ist es zur Angewohnheit geworden, jeden Tag den Air Quality Index von Bangkok zu überprüfen. Das ist morgens immer die erste App, die am Telefon bedient wird. Beim Internetbrowser ist Airvisual.com die Startseite. Da weiß man gleich, was man so einatmet.
Irgendwie löst sich in Bangkok alles in Rauch auf. Damit muss man leben lernen: die Auspuffgase aus Autos und Bussen, Lastern und Motorrädern. Der Rauch vom gerösteten Fleisch in Garküchen und auf Märkten. Der Rauch, wenn mal wieder jemand auf die Idee kam, Plastikmüll und trockenes Laub zusammen zu verbrennen.
Da gibt es nur eines: Weg von der Straße, rein ins Condo. Balkontür und Fenster zu. Klimaanlage an. Endlich gute Luft.

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