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Adam im Paradies

Adam im Paradies

Adam arbeitet in einer Imbissbude in Berlin. Oder besser gesagt, er hat gearbeitet. Dem 64-Jährigen wurde gekündigt, er meldete sich arbeitslos und reichte bereits einen Rentenantrag ein. Weil er zu früh in Rente geht, muss Adam mit Abzügen rechnen. Seine Rente wäre sowieso schon bescheiden ausgefallen, jetzt ist es noch etwas weniger.

Er war einmal selbstständig, hatte sich aber mit einem eigenen Currywurst-Stand verkalkuliert. Daher gab er diesen eigenen Stand irgendwann wieder auf und arbeitete lieber als Angestellter. Er konnte er einiges sparen, und will seine Rente, wenn er diese im Laufe dieses oder spätestens kommendes Jahr bekommt, mit diesem Ersparten bezuschussen.

Wie wird es mit Adam weitergehen? Ein Überblick.

Adam hält es in Berlin nicht mehr aus und sitzt wie auf heißen Kohlen. Wenn man dann noch die Wahl hat, entweder nichts zu tun oder sich etwas hinzuzuverdienen, indem man Currywurst verkauft, kann das Leben ganz schön unangenehm sein. Adam hat Sehnsucht, eine durchaus erklärbare Sehnsucht nach seinem Paradies. Das hat auch einen Namen: Pattaya.

Jeder Leser ahnt, was jetzt kommt, aber man sollte sich auch einmal Adams Lage verdeutlichen. Er hat meist Nachtschicht in einer Imbissbude gearbeitet, er geht dann nach Hause und legt sich ins einsame Bett. Viel Freude hat er nicht. Das ändert sich bei seinem ersten Besuch in Pattaya. Es geht nicht nur um Sex, um diesen natürlich auch, es geht aber vor allem doch um Aufmerksamkeit, die ihm seitens einer Frau entgegen gebracht wird. In Köln ist Adam für die Frauenwelt nichts weiter als ein Schrotthaufen, für den es nicht einmal eine Abwrackprämie gibt. In Pattaya aber steht er plötzlich im Mittelpunkt.

Ihm ist, als träume er. So etwas hat er sich sein ganzes Leben gewünscht, auch schon als junger Mann, und da sah er gar nicht schlecht aus, und er musste über 60 Jahre alt werden, um so etwas erleben zu dürfen.

In Pattaya herrschen geradezu paradiesische Zustände. Da wird alles andere zweitrangig. Die mangelhafte Infrastruktur, der Gestank, der Autoverkehr oder auch die Tatsache, dass Adam, weil er kein Englisch spricht – und Thai natürlich auch nicht – mit den weiblichen Wesen sprachlich so gut wie nicht kommunizieren kann. Die geben sich keine Mühe, sprechen nur Thai mit ihm, weil er Englisch sowieso nicht versteht.

Vielleicht sieht Adam das positiv, denn wenn man keine gemeinsame Sprache spricht, kann man sich auch nicht streiten.

Es dauert also nicht lange, und der Mann, der endlich im Mittelpunkt der femininen Aufmerksamkeit steht, schließt neue Freundschaften. Mit einer Bankangestellten, einer Architektin und einer Ärztin?

Komisch, gebildete Frauen interessieren sich auch im Paradies eher weniger für Adam. Woran das wohl liegen könnte? Bleiben also noch nette Wesen, die ihn auf der Straße ansprechen. Unter einer von Kokospalmen gesäumten Avenida beispielsweise. Pi Maprao werden diese Frauen von Einheimischen genannt. Was das bedeutet, erschließt sich Adam natürlich nicht. Es ist ihm wohl auch egal. Er will weder Thai noch Englisch lernen, er will einfach nur seinen Spaß haben, wer kann es ihm verübeln.

Nun hat Adam mit Pi Maprao schon die kostengünstigste Variante gefunden, die man in Pattaya wählen kann, wenn ein Hauch von Rotlicht in der Luft liegt. Er wohnt auch relativ billig, denn so viel Geld hat er nicht. Indes sieht langsam seine Ersparnisse schwinden, weil er zu viel Geld ausgibt. Die Flugkosten kommen ebenfalls hinzu, außerdem lässt er es sich nicht nehmen, der einen oder anderen Frau von Berlin aus einen kleinen Obolus zukommen zu lassen nach dem Motto: Vergiss mein nicht. Bei der Summe lässt Adam sich nicht lumpen.

Es klappt alles wie geplant. Endlich steht der Umzug vor der Tür. Adam trennt sich von allen Dingen, die sich im Laufe eines Lebens so ansammeln, und geht wie neu geboren nach Pattaya. Die Rente, die er erhält, übersteigt 800 Euro nicht, er entnimmt seinen Ersparnissen monatlich 10.000 Baht. Wenn er inklusive Rente monatlich nicht viel mehr als 40.000 Baht ausgibt, reicht sein Erspartes zehn Jahre. Dann ist er Mitte 70 und geht stramm auf die 80 zu. Was dann kommen soll? Adam macht Witze mit sich selbst. Vielleicht ein Job in einer Imbissbude als Somtam-Verkäufer? Außerdem sind zehn Jahre lang und wer weiß, wie die Welt dann aussieht.

Adam hat bei seinen häufigen Besuchen in der in Saus und Braus gelebt. Ganz klar, er war Urlauber. Sicherlich hat er versucht zu sparen, aber sobald man für Erwachsenenunterhaltung zahlt, und das täglich, wird es eben doch teuer. Und wie ein Spieler kann man danach süchtig werden. Ob Glücksspiel oder Frauen im Rotlichtmilieu, wo ist da der Unterschied, mag sich der eine oder andere fragen.

Mit 40.000 Baht pro Monat kann man in Pattaya auskommen, wenn man nicht allzu große Sprünge macht und ein eher bescheidenes und beschauliches Leben führt. Abzüglich Fixkosten bleibt rund gerechnet vielleicht noch ein Tagesbudget von 1.000 Baht. Abzüglich American Breakfast und deutschem oder europäischem Abendessen inklusive Bier. Abzüglich den einen oder anderen Snack. Abzüglich dies und das.

Und schon merkt Adam, dass ein Langzeitaufenthalt kein Urlaub ist. Erst recht nicht, wenn man auf das Budget achten muss. Das kann Adam natürlich nicht. Er ist doch wegen der Frauen hier, die ihn so gern haben. Vorausgesetzt, er bezahlt für deren Aufmerksamkeit.

Es fällt Adam auch schwer, einfach einen Schalter umzulegen und ganz rational an die Angelegenheit heranzugehen. Er kann einfach nicht den ganzen Tag allein herumhocken. Er ist doch hier, um gerade nicht wie in Berlin allein zu sein.
Ohne Geld ist das Paradies gar kein Paradies, stellt er fest.

Also nimmt er von seinem Ersparten mehr als geplant. Mehr und mehr und noch mehr und immer schneller. Und das Geld reicht nicht zehn Jahre, wie sich Adam so schön ausgerechnet hat. Diese Buchführung ist nämlich frisiert. Es fehlt auf der Passiva-Seite das Geld, das für die Frauen bestimmt ist. Schon allein dieser Posten übersteigt das Budget.

Euer Walter Weiß

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