Header Banner
Header Banner
Header Banner
Header Banner

Abschied vom Schlafwagen

Abschied vom Schlafwagen

Schlafwagenabteile in Zügen verbanden einst Berlin mit dem Rest von Europa. Diese Tradition stirbt langsam aus. Kürzlich wurde die Strecke von Berlin nach Budapest aufgegeben, obwohl Experten meinen, dass diese Verbindung nicht nur profitabel gewesen wäre, sondern auch gut für den Umweltschutz.

Anfang der 90er Jahre war eine Reise mit einem Schlafwagen nach der gerade erst erfolgten Maueröffnung noch ein echtes Erlebnis. Der slowakische Schaffner begrüßte Fahrgäste, die er erkannte, persönlich und nahm gern kleine Bestechungsgelder an, damit für den Fahrgast die Reise erträglich wurde.

Der Zug nach Ungarn fuhr kurz vor 19 Uhr am Berliner Ostbahnhof ab, und kam um etwa 8.30 Uhr am nächsten Morgen in Keleti in Budapest an. Auf dem Weg dorthin hielt der Zug in Dresden, Prag, Bratislava und noch in paar anderen Kleinstädten. Jede Reise war ein kleines Abenteuer, eine nächtliche Passage durch das Herz Europas auf Schienen, die den Kontinent von St. Petersburg bis Sizilien miteinander verbanden.
In den sechs Schlafwagen waren die Mitreisenden auf der rumpelnden Strecke meist Familien, Arbeiter oder Studenten, Touristen und sogar ein paar dubiose Gestalten, die sich im Grenzhandel betätigten. Auch wenn die Leute unterschiedlichen Nationalitäten angehörten und unterschiedliche Sprachen sprachen, machte sich in der Regel auf der Reise Kameraderie breit, jeder half jedem, denn alle saßen im selben Boot.

Man sprach Deutsch oder Englisch oder beides, und mitunter tauschte man die Stullen: Käse gegen Salami. Der Schaffner verkaufte ungarisches Bier, und irgendwann tauchte eine Pulle Schnaps auf, die dann wieder verschwand.

Kurz hinter Dresden wurden die Kojen nach unten geklappt, die Beleuchtung gedämpft. Dann machten es sich die Fahrgäste der Schlafwagen in gestärkten Bettlaken gemütlich. Am Morgen erwachte man in der südlichen Slowakei, kurz vor dem Donauknie, wenn die Donau eine scharfe Rechtskurve Richtung Süden nach Ungarn macht.
Die Qualität der Schlafwagen war unterschiedlich, doch das erste, was der Schaffner am Morgen immer machte, war Kaffee und Tee kochen.

Abschied vom Schlafwagen

Das alles gehört der Vergangenheit an. Im Dezember war Schluss mit dem Metropol. Die ungarische Eisenbahngesellschaft MAV behauptet, dass die Strecke nicht profitabel war. Billige Flugtickets kosteten ein Drittel, sogar Busfahrkarten waren billiger.
Das Ende dieser Strecke ist nur die jüngste Außerdienststellung der Mondscheinfahrten, die Europa früher einmal zusammenhielten – und es umweltbewussten Reisenden erlaubte, dass sie umweltverträglich durch Europa fuhren.

Ebenfalls aufgegeben wurde die Strecke von Paris nach Nizza. Davor waren es seit 2014 Nachtzüge zischen Berlin, Paris, Amsterdam, Zürich, Krakau, Warschau, Rom und Stockholm. Sowohl die Deutsche Bahn als auch die französische SNCF führten hohe Kosten, Verwaltungsprobleme und zurückgehende Beliebtheit als Begründung für die Einstellung der Strecken an.

Verkehrsexperten sind sich da nicht so sicher und verweisen auf die österreichische Bahn, die keine einzige Nachtstrecke aufgab und nun sogar Fahrten anbieten, die die Deutsche Bahn nicht mehr betreibt wie die Strecke von München nach Rom. Laut Österreichern ist die Strecke trotz hoher Kosten sehr wohl rentabel.

Das ist völlig absurd“, sagte Michael Cramer von den Grünen, der im Europäischen Parlament Experte für Verkehr ist. „Gesetze und Vorschriften stehen gegen die Eisenbahn, insbesondere gegen die Langstrecken.“ Er erwähnte Steuern und Pflichtgebühren, die die Bahngesellschaften zahlen müssen. Er hob hervor, dass umweltfreundliche Fahrzeuge gefördert oder subventioniert werden, die Bahn merkwürdigerweise aber nicht dazu gehöre.

Cramer wies darauf hin, dass laut Pariser Abkommen die Treibhausgase in der EU bis 2050 um 60 oder 80 Prozent abgebaut werden müssten. Das wäre laut Cramer nicht zu schaffen, wenn man die nächtlichen Bahnstrecken einstellt. Ganz im Gegenteil, sie müssten ausgebaut werden.

Cramer muss sich wohl damit abfinden, dass die Leute offenbar lieber fliegen, weil nicht unbedingt mehr das Sprichwort „Der Weg ist das Ziel“ gilt. Dann ist man zwar schnell da, aber es gibt es nichts Besonderes, woran man sich erinnern könnte. Außer vielleicht, wenn das Flugzeug Verspätung hat oder das Gepäck abhanden gekommen ist und hoffentlich nachgeschickt wird.

Ähnliche Beiträge